Durchgeboxt – trotz Diabetes

Mit noch nicht einmal zwei Jahren erhielt Anja Renfordt die Diagnose Diabetes Typ1. Inzwischen hat die junge Frau eine Karriere als Profisportlerin im Kickboxen vorzuweisen, ist beruflich erfolgreich und genießt gerade die Elternzeit mit ihrer kleinen Tochter. Immer mit dabei: Familienhund Candy, ein Diabeteswarnhund. Wie der Alltag in den vergangenen Jahren lief, was sich verändert hat und wie Sie Ihren Diabetes auch als Mutter managt, erzählt Sie uns im Interview.

GlucoGramm: Frau Renfordt, vielen Dank, dass Sie uns Rede und Antwort stehen. Stellen Sie sich zu Anfang einmal kurz vor?

A. Renfordt: Gerne. Mein Name ist Anja Renfordt, ich bin 1980 geboren und lebe in Nordrhein-Westfalen. Beruflich habe ich zunächst eine kaufmännische Ausbildung gemacht, danach eine weitere zur Physiotherapeutin. Seit 10 Jahren arbeite ich als angestellte Therapeutin in einer Praxis in Lüdenscheid. Außerdem bin ich einen Nachmittag pro Woche in der 'Sport- und Freizeitgestaltung' im Diabetiker-Zentrum in Lüdenscheid tätig – einer Einrichtung für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche mit Diabetes. Aktuell bin ich allerdings in Elternzeit.

GlucoGramm: ... mit Ihrer kleinen Tochter, die im März geboren ist. Wie geht es Ihnen in dieser neuen Rolle?:

A. Renfordt: Meine Tochter Melina ist definitiv die neue Chefin zu Hause (lacht). Es war echt eine große Umstellung, weil ich sonst immer alles perfekt organsiert und strukturiert habe. Das ist mit einem Baby manchmal einfach nicht möglich. Es hat etwas gedauert, aber Mama zu sein ist jetzt tatsächlich 'die Rolle meines Lebens'.

GlucoGramm: Hatten Sie Bedenken in der Schwangerschaft? Und werden Sie Ihr Kind regelmäßig auf Diabetes untersuchen lassen?

A. Renfordt: Nein, eigentlich hatte ich keine besonderen Ängste oder Sorgen. Es gab sehr engmaschige Kontrollen in der Schwangerschaft, daher hatte ich immer die Gewissheit, dass mit der Kleinen alles in Ordnung ist. Grundsätzlich versuche ich ja ohnehin immer, positiv zu denken und optimistisch zu sein. So habe ich auch die Schwangerschaft mit Diabetes als Herausforderung gesehen und angenommen. Und nein, Melina wird nicht auf Diabetes untersucht. Wenn es kommt, dann kommt es. Ich denke, wenn Symptome auftauchen, werden bei mir alle Alarmglocken sofort läuten ...

GlucoGramm: Früher hat man Frauen mit Diabetes vom Stillen abgeraten. Mittlerweile weiß man, dass Mutter und Baby vom Stillen profitieren. Wie sind Sie mit dem Thema umgegangen?

A. Renfordt: Ich wollte unbedingt stillen! Der natürlichste Weg scheint mir einfach der beste Weg für Mutter und Kind. Die Unterzuckerungsgefahr beim Stillen war mir natürlich bekannt. Daher war ich sehr vorsichtig mit der Insulindosierung und hatte immer schnell verfügbare Kohlenhydrate in Reichweite beim Stillen – und übrigens nicht nur da, sondern auch am Wickeltisch oder beim Spaziergang mit dem Kinderwagen. Wie viele andere Mütter auch hatten wir einige Stillprobleme in den ersten Wochen und Monaten – da war ich ehrlich gesagt ein paar Mal kurz davor, aufzugeben. Ich bin sehr froh, dass ich doch durchgehalten habe und ich die selten gewordenen ruhigen Phasen beim Stillen mit Melina jetzt noch genießen kann. Ich glaube außerdem, dass das Stillen meinen Stoffwechsel gut angekurbelt hat und ich auch deshalb schnell wieder mein Ausgangsgewicht von vor der Schwangerschaft hatte.

GlucoGramm: Wie sind Sie mit der Erkrankung aufgewachsen?

A. Renfordt: Die Diagnose erfolgte 1981 – da war ich gerade anderthalb Jahre alt, also wirklich klein. Damals gab es ganz andere Therapieempfehlungen: Haushaltszucker streng verboten, fester Ernährungsplan über viele Jahre. Mein erstes eigenes Messgerät bekam ich erst vier Jahre nach der Diagnose! Durch die Weiterentwicklungen der Medizintechnik und Insuline wurde die Therapie immer flexibler, was für mich natürlich positiv war. Ich kenne kein Leben ohne Diabetes. Daher waren die begleitenden Umstände für mich so selbstverständlich wie Zähneputzen und Händewaschen.

GlucoGramm: Sprechen Sie denn mit jedem offen über Ihren Diabetes?

A. Renfordt: Es wussten und wissen immer Personen wie z.B. Lehrer oder Trainer Bescheid, damit sie mir im Notfall helfen könnten. Jeder darf mich auch gerne auf die Pumpe oder Sensor ansprechen, die ich immer ganz offen trage. Und auf meiner Homepage geht es ja auch sichtbar um das Thema Diabetes. Aber ich gehe nicht hin und erzähle jedem ungefragt davon. Es muss nicht jeder sofort wissen – ich sehe das auch ein bisschen als Privatsphäre im Alltag.

GlucoGramm: Wie reagieren Mitmenschen auf Ihre Erkrankung? Gab es schon unangenehme Situationen oder lustige Geschichten?

A. Renfordt: Das ist wirklich ganz unterschiedlich. Ich freue mich über konkrete Fragen, damit ich aufklären kann. Unangenehm ist mir nach wie vor Mitleid. Ich lebe einfach zu gut und fühle mich zu gesund, um damit wirklich was anfangen zu können.

GlucoGramm:Sie waren viele Jahre lang professionelle Sportlerin.

A. Renfordt: Ja, im Alter von 10 Jahren habe ich mit dem Kampfsport-Training begonnen. Zunächst Tae-Kwon-Do, später Kickboxen. Mit 18 habe ich erstmals die deutsche Meisterschaft im Kickboxen und 2002 dann die Europameisterschaft in Italien gewonnen. Bis 2005 habe ich insgesamt fünf Weltmeister-Titel im Amateurbereich erreicht, 2011 gab es dann noch mal ein großes Comeback mit einem Vize-WM Titel im Leichtkontakt und einem WM-Titel im Vollkontakt. Danach habe ich mich endgültig vom internationalen Wettkampfgeschehen verabschiedet.

GlucoGramm: Und wie sieht es jetzt mit dem Sport aus?

A. Renfordt: Früher gab es für mich immer nur Sport und Schule, Ausbildung, Arbeit und Sport. Das ist jetzt nicht mehr zu realisieren mit Kind. Und dieser Abschnitt in meinem Leben ist für mich auch beendet. Wir sind jeden Tag draußen und gehen viel mit unserem Hund Candy spazieren. Ansonsten laufe ich Melina ständig hinterher und trainiere mit knapp 10 kg auf dem Arm (lacht). Außerdem gehen wir gerne zum Yoga und Babyschwimmen. Ich bin nach wie vor sehr aktiv und Melina ist immer dabei.

GlucoGramm: Was ist für Sie das Schlimmste am Diabetes?

A. Renfordt: Diabetes Typ1 ist eine tödliche Krankheit und wir haben großes Glück, dennoch ein so lebenswertes Leben damit führen zu können. Im Alltag sind die Extreme am Schlimmsten, also Entgleisungen nach oben oder unten, vielleicht sogar mit Fremdhilfe.

GlucoGramm: Was sollte Ihrer Meinung nach jeder Nicht-Diabetiker über Diabetes wissen?

A. Renfordt: Den Unterschied zwischen Diabetes Typ1 und Diabetes Typ2.

GlucoGramm: Was würden Sie jemanden raten, der gerade die Diagnose Diabetes gestellt bekommen hat?

A. Renfordt: Im Zeitalter von Internet und sozialen Netzwerken kann man sich sofort mit vielen Betroffenen austauschen. Aufbauende Worte, Erfahrungen von anderen lesen, Treffen mit anderen Diabetikern – das kann einem ein Stück weit bei der Erst-Diagnose auffangen und auch langfristig helfen, den Diabetes als neuen Lebensumstand zu akzeptieren. Trotzdem sollte man sich die Zeit gönnen, um so eine Diagnose erst mal zu verarbeiten. Es ist ein bisschen wie beim Sport: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“ (schmunzelt).

GlucoGramm: Sie haben seit einigen Jahren einen Diabetikerwarnhündin namens Candy. Haben Sie ihre Hilfe schon benötigt? Wie viel Sicherheit gibt sie Ihnen?

A. Renfordt: Candy begleitet mich jetzt schon seit gut sechs Jahren und reagiert – ganz vereinfacht erklärt – auf Unterzuckerungen. (Mehr über Diabetikerwarnhunde auf www.diabdog.de). Erstaunlich ist, was sie alles wahrnimmt und mir anzeigt. Manchmal sind die Werte auf den ersten Blick traumhaft gut, obwohl ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe – auch diese Unterversorgung mit Kohlenhydraten zeigt sie mir an. Oder zu schnelle Blutzucker-Abfälle, auch wenn die Werte noch zu hoch sind. Diese Situationen kennt jeder Diabetiker. Als Hund und treue Begleiterin in allen Lebenslagen ist Candy für mich nicht mehr wegzudenken und ich hoffe, dass sie auch unsere Melina noch lange begleiten wird.

GlucoGramm: Erhalten Sie von Ihrem Umfeld viel Unterstützung?

A. Renfordt: Ich erhalte sofort Unterstützung, wenn ich sie brauche und danach frage. Das passiert nicht sehr oft. Der Diabetes ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass das ganze Handling automatisiert ist. Manchmal fachsimpele ich gerne mit meiner Diabetologin und wir versuchen, meine Erfahrungen auszuwerten und das Diabetes-Management zu optimieren. Im Großen und Ganzen läuft es super mit der Einstellung. Deshalb ist der Diabetes nur die wichtigste Nebensache in meinem Leben (schmunzelt).

GlucoGramm: Frau Renfordt, vielen Dank für das Interview!